Legenden der Elben – Verbannt: Prolog (lektoriert)


Die Legenden der Elben - Verbannt (Aufsteller E-Book)Vor einiger Zeit habe ich euch die ersten zehn Seiten von Verbannt, in unlektorierter Form, zur Verfügung gestellt. Da das Lektorat voranschreitet wird es nun Zeit, euch etwas mehr zu bieten.

Den kompletten Prolog in lektorierter Form. Ihr werdet einige Unterschiede zur früheren Fassung bemerken. Beispielsweise fasst der alte Abschnitt mittlerweile nicht mehr zehn, sondern zwölf Seiten. Jetzt bekommt ihr sogar noch etwas mehr.

Alles in allem bin ich sehr zufrieden mit den Änderungen, sie machen das Buch besser. Ich bin all denjenigen unglaublich dankbar, die mir dabei geholfen haben, meine Rohfassung zu dem zu machen, was nun ist.

Legenden

Legenden besagen, dass vor tausenden von Jahren Magie in der Welt existierte. Die Völker von Foresun lebten in ihr und mit ihr und jede von ihnen nutzte sie, auf ihre Weise: Die einen zur Zucht von Pflanzen, die anderen zum Schmieden von Waffen. Die Vielfalt der Magie bot viele Möglichkeiten.
Es wird sogar gesagt, dass manche Rassen von Grund auf mit Magie erfüllt waren. Elben lebten ewig und Werwölfe wandelten ihre Form.
Doch dann kam der Drachenkrieg.
Magische Wesen, die fliegen und Feuer speien konnten, brachen über die Welt herein und drohten, sie zu vernichten. Doch die einzelnen Völker vereinigten sich und drängten die Kreaturen zurück. Bis sie, aus Wut über ihre drohende Niederlage, ein lautes Brüllen erklingen ließen, dass ganz Foresun erschütterte. Mit einem Mal waren die magischen Schwerter der Menschen nur noch stumpfes Metall, die magischen Pfeile und Bögen der Elben lediglich morsches Holz und Zaubersprüche waren wirkungslos.
Elben wurden sterblich und Werwölfe waren auf ewig in einer Zwischenform gefangen. Die verbliebenen Drachen, zufrieden mit ihrem Werk, erhoben sich und verließen die Welt, um nie wieder gesehen zu werden.
So sagen es die Legenden.

Wahrheit

Magie ist ein Märchen, mit dem man Kindern Angst macht, um sie pünktlich ins Bett zu bekommen.
Der Drachenkrieg: Eine Erfindung der Priester, die ihre Tempel mit spannenden Geschichten attraktiver machen wollen.
Waffen waren niemals magisch, sondern sind technologische Meisterwerke. Die Bögen der Elben bestanden nicht aus morschem Holz, sondern aus leichtem Metall.
Magie… Magie ist für Kinder.

Prolog

Die Elben von Warildor lebten tief in den Wäldern, die dem Volk seinen Namen gaben. Hoch in den Bäumen hatten sie ihr Dorf errichtet und die Stämme ausgehöhlt, die selbst in den Kronen noch über zehn Meter maßen, dienten ihnen als Behausungen. Zwischen ihnen waren hölzerne, geländerlose Brücken gespannt. Die Bäume standen dicht genug, um sich gegenseitig Schutz vor Wind und Wetter zu bieten, wodurch es selbst im Winter nur selten Schnee im Dorf lag. Über die Jahre war so mancher Sturm spurlos – und beinahe unbemerkt – an ihnen vorübergegangen.
Die Fenster der verschiedenen Behausungen waren leicht geschwungen und wirkten dadurch beinahe lebendig. Sie erweckten den Eindruck, als würden die ausgehölten Bäume einen ansehen. Die Fenster waren nur selten verschlossen und nur wenige Elben machten sich überhaupt die Mühe, Glas darin einbauen zu lassen. Sollte schlechtes Wetter doch mal bis ans Dorf vordringen oder sie ihre Ruhe wollen, dann schlossen sie einfach die Fensterläden. Keines von beidem kam sonderlich häufig vor.
Fünf verschiedene Ebenen, von denen die unterste als Stall für Einhörner diente und die oberste als Auslauf- und Reitmöglichkeit, boten Platz für das gesamte Dorf. Je höher man, mithilfe von an Seilen gespannten Körben, kam, desto begehrter wurden die Behausungen. Am Boden deutete nichts auf ihre Anwesenheit hin, da Äste und Blätter die Sicht nach oben versperrten. Sie waren zwar nicht sonderlich dicht, aber die Entfernung zum Boden machte sie doch dicht genug, dass man nicht mehr gut genug durch sie hindurchschauen konnte, um das Dorf entdecken zu können. So mancher Wanderer, der sich in die Wälder von Warildor verirrt hatte, hatte nie bemerkt, dass er unter ihrem Dorf entlang geirrt war.
So schnell ihn seine Füße trugen rannte Aregas über die Brücken zwischen dem Haus seiner Eltern und der Bar durch die Nacht. Er war zu spät dran – nicht zum ersten Mal.
Wenn ich mich beeile, vielleicht komme ich dann doch noch wenigstens halbwegs pünktlich. Wenn ich mich schon wieder verspäte… Helaä wird es mir nie verzeihen. Sie war gestern schon sauer genug.
Abgelenkt von seinen Gedanken bemerkte er nicht, dass vor ihm ein anderer Elb auf die Brücke und in seinen Weg trat. Ungebremst stieß er mit ihm zusammen, so dass der Angerempelte umgeworfen wurde. Aregas verlor das Gleichgewicht und fiel zur Seite. Bevor er den Boden unter den Füßen verlor hing er über dem Abgrund. Sein Blick fiel durch die Äste und Blätter bis auf den weit entfernten Boden.
Während Aregas‘ Körper sich immer weiter über den Rand des Stegs neigte sprang unter ihm ein Eichhörnchen zwischen zwei Bäumen entlang. Die Zeit schien still zu stehen. Er hatte das Gefühl, eine Ewigkeit in die Tiefe zu starren und das kleine Nagetier zu beobachten. Nichts würde seinen Sturz in den Tod aufhalten können.
Plötzlich griffen zwei Hände nach seinen wild rudernden Armen und zogen ihn wieder zurück in Sicherheit.
„Aregas, pass doch auf. Willst du dich umbringen?“, schnauzte Erendo ihn an, „Lass mich raten, du bist schon wieder zu spät dran?“
„Ja… was… woher?“, antwortete Aregas, noch immer unter Schock von seinem Beinahetod.
„Du würdest nicht derart unaufmerksam über die Brücken rennen, wenn du einmal in deinem Leben pünktlich wärst.“
Erendo war sein Bruder. Größer, muskulöser und älter als Aregas. Die einzigen Merkmale, die die beiden Brüder sich teilten, waren ihre strahlend hellgrünen Augen und die glatten blonden Haare. Aregas war knapp einen Meter achtzig groß, mit schmaler Statur und einem beinahe immer fröhlichen Gesichtsausdruck. Erendo maß über zwei Meter, so breit wie er muskulös gebaut war und wirkte immer so, als wäre er wütend – wenn er nicht gerade betrunken war. Niemand der es nicht wusste hätte auch nur geahnt, dass die beiden verwandt waren. Natürlich wusste das gesamte Dorf wer sie waren. Kinder waren bei den Elben selten genug und Geschwister kamen beinahe nie vor. Das letzte Geschwisterpaar waren ihr Vater und dessen Bruder gewesen. Erendo war nach seinem verschollenen Onkel benannt.
„Ich sollte dich an den Füßen vom höchsten Ast des Baumes baumeln lassen“, erklang plötzlich die wütende Stimme von Jolin, der sich langsam erhob und abklopfte.
Der Sohn des Dorfältesten war, wenn es nach Aregas ging, ein genauso betrunkener Idiot wie sein Bruder.
Kein Wunder, dass die beiden Nichtsnutze die besten Freunde sind.
Laut sagte er jedoch: „Entschuldige“, und setzte dann in sarkastischem Tonfall nach, „Oh großer Jolin.
Der schien den Sarkasmus aber gar nicht zu bemerken. Stattdessen nickte er nur, als wenn er eine ernsthafte Entschuldigung und Lobhuldigung erhalten hätte – vielleicht glaubte er das sogar wirklich. Lediglich Erendo warf ihm einen warnenden Blick zu.
Ich bin zu spät dran.
„Ich muss weiter. Helaä ist eh schon sauer mit mir und…“
„Jaja, verschwinde endlich. Du machst morgen aber für mich den Haushalt, wenn du nicht willst, dass ich Vater sage, dass du dich beinahe umgebracht hast.“
Ohne zu Antworten machte Aregas sich wieder auf den Weg. Es hatte keinen Zweck, mit Erendo darüber zu streiten. Sein Bruder würde seine Drohung wahr machen, wenn Aregas nicht tun würde, was er verlangte.
Hinter sich konnte er die beiden nichtsnutzigen Elben lachen hören.

Als er endlich an der Bar ankam stand Helaä bereits davor und starrte wütend in die Richtung, aus der er kam. Ihre bis zum Hintern reichenden, feuerroten Haare unterstrichen ihre Wut noch zusätzlich. Sie war knapp zehn Zentimeter kleiner als er, aber in ihrem Zorn wirkte sie hühnenhaft. Er war zu spät – schon wieder.
„Ich weiß, ich weiß. Es tut mir leid. Ich hatte einen Zusammenstoß mit…“
„Ich will keine Ausreden hören“, erwiderte sie kalt, „wann war das letzte Mal, dass du pünktlich warst?“
„Ich…“
„Was?“
„Es tut mir leid“, entgegnete er nach einer kurzen Pause und mit gesenktem Blick.
„Wenn du morgen nicht Geburtstag hättest…“
Er atmete erleichtert aus. Morgen würde er achtzehn Jahre alt werden. Sie hatten sich getroffen, um in seinen Geburtstag hineinzufeiern und offenbar wollte seine Gefährtin sich von ihm nicht den Abend ruinieren lassen.
„Wenigstens hast du dich nicht soweit verspätet, dass wir nicht mehr reinfeiern können“, sagte sie mit deutlich fröhlicherer Stimme und ergriff seine Hand, um ihn in die Bar zu ziehen. Er folgte ihr mit einem dümmlich, fröhlichen Grinsen.
In der Bar, die sich seit einigen Wochen „Zum fröhlichen Frosch“ nannte, um aus der plötzlichen Vorliebe der Elben für Froschschenkel zu profitieren, waren die Tische gut gefüllt. Die Gäste, größtenteils Elben und ein paar wenige Menschen, saßen dicht gedrängt. Sie unterhielten sich in ohrenbetäubender Lautstärke, sodass es unmöglich war irgendetwas zu verstehen, was mehr als zwanzig Zentimeter von einem entfernt gesprochen wurde.
Die meisten von ihnen wirkten betrunken genug, um eine Schlägerei vom Zaun zu brechen und taten es auch mehr oder weniger regelmäßig. Die Menschen, größtenteils Männer, wirkten ungewaschen, rochen widerlich und bildeten damit einen deutlichen Kontrast zu den Elben, von denen selbst der Betrunkenste noch immer einen relativ adretten Eindruck machte.
Mehrere junge Elbinnen huschten zwischen den Tischen entlang, um Getränke zu bringen und Bestellungen aufzunehmen. Vereinzelt hatte Aregas gehört, dass die Menschen die Bedienungen anfassten, was so manchen von ihnen die betreffende Hand gekostet hatte – eine Lektion, die sich offenbar herumgesprochen hatte. Zuletzt hatte er von einem solchen Vorfall vor sechs oder sieben Jahren gehört.
Freie Plätze schien es keine mehr zu geben. Zum Glück hatte Helaä schon vor Wochen einen Tisch für sie reserviert. Aregas konnte jedoch nicht erkennen, wo der sein sollte.
Seine Gefährtin zog ihn durch die Bar zu einer Hintertür und öffnete sie, ohne auf die Bedienung zu warten. In dem kleinen Raum stand ein einzelner Tisch und ein gemütlich aussehendes Sofa. Auf dem Tisch stand eine Flasche Wein, die aus dem Reich der Bergelben von Ihrendall zu stammen schien.
Sie hat sich den Abend etwas kosten lassen.
Er drückte Helaäs Hand und zog sie enger an sich.
„Es tut mir leid, dass ich ständig zu spät komme.“
Sie hob ihre freie Hand und strich ihm sanft über sein Gesicht.
„Ich weiß.“

Zwei Stunden später war es endlich Mitternacht. Aregas und Helaä waren gut angeheitert und feierten seinen Aufstieg in die Reihen der Erwachsenen mit wilden Küssen und indem sie sich gegenseitig unter ihrer Kleidung streichelten. Als plötzlich die Tür aufgestoßen wurde trennten sie sich erschrocken und hastig voneinander.
Jolin, sturzbetrunken, kam herein und knallte seinen Bierkrug vor ihnen auf den Tisch.
„Was haben wir denn hier? Den Jungen, der mich über den Haufen gerannt hat und seine Gefährtin mit den Feuerhaaren. Habe ich deinen Geburtstagssex unterbrochen, Are…“, er schien, in seinem Suff, überlegen zu müssen wie Aregas hieß, „gus?“
„Verschwinde, Jolin!“, donnerte Helaä, die sich als Erste von ihrem Schrecken erholt hatte, den Störenfried an.
„Ah, Feuertitte spricht. Aber gehört der erste Fick des Tages nicht dem Sohn des Dorfältesten?“, er griff nach Helaäs Brust, doch die Elbin zuckte zurück. „Du willst doch sicher einen richtigen Elb und nicht dieses… Kind.“
Wütend sprang Aregas nach vorne und über den Tisch. Ohne darüber nachzudenken was er tat, schlug er mit der Faust nach Jolins Gesicht. Normalerweise hätte der größere Elb den Schlag mit Leichtigkeit abwehren können, aber er war zu betrunken und langsam.
Aregas Faust traf und er hörte Knochen knacken. Der Getroffene wurde mit überraschender Wucht herumgeschleudert und schlug mit dem Kopf auf die Tischkannte. Wieder hörte Aregas etwas knacken und dachte zuerst es wäre der Tisch gewesen, aber das Blut, das aus Jolins Kopfwunde floss und den Boden rot färbte, bewies das Gegenteil.
Er beugte sich zu seinem gefallenen Gegner herunter und tastete ihn nach einem Puls ab, konnte jedoch keinen finden.
„Scheiße!“, fluchte er leise.
„Ist er…?“, Helaä konnte den Satz nicht beenden, so geschockt schien sie.
„Ich glaube, er ist tot.“
Für die nächsten Minuten sagte niemand etwas. Stattdessen sah sich das Pärchen schockiert an. Was sollten sie tun?
Es war Aregas, der das Schweigen brach.
„Verschwinde!“
„Was?“
„Verschwinde. Du bist gegangen als Jolin hereinkam. Du weißt nicht was vorgefallen ist. Verschwinde.“
„Aber…“
Er ging zu Helaä herüber und nahm ihre Hände in seine.
„Was auch immer geschieht, ich kann mit den Konsequenzen leben. Meine Familie bringt Geschwister hervor, was sollen sie schon tun? Du dagegen…“
„Ich werde dich nicht allein lassen“, sagte sie mit Nachdruck.
„Betrachte es als meinen Geburtstagswunsch. Verschwinde, bevor jemand hereinkommt.“
Sie erhob sich langsam und ging zur Tür.
„Ich liebe dich“, waren ihre letzten Worte an ihn.
„Ich dich auch.“

Eine halbe Stunde später fing Aregas an Lärm zu machen und warf den Tisch um. Niemand würde das Krachen überhören können und der Tod von Jolin würde mit dem Krach in Verbindung gebracht werden – lange genug nach Helaäs Verschwinden, um sie nicht mit dem Toten in Verbindung zu bringen. Es dauerte nicht lange, bis einer der Kellner nach ihm sah. Ein kurzer Blick in den kleinen Raum mit der Leiche und dem Blut am Boden genügte ihm und er rief die Gardisten.

Am nächsten Morgen wachte Aregas in einer der Zellen im Keller des Ältestenrats auf. Er kannte die Zellen von einer Besichtigungstour, die er mit der Schule unternommen hatte.
Angeblich waren sie seit Jahrhunderten nicht mehr benutzt worden. Er wusste nicht, ob das stimmte oder ob es nur ein Gerücht war, aber wenn er sich den Staub ansah, der auf seiner und den anderen Pritschen lag, dann konnte er es beinahe glauben.
So habe ich mir meinen Geburtstagsmorgen nicht vorgestellt. Was sie wohl mit mir tun werden?
Er hatte keine Vorstellung. Verbrechen gab es in ihrem Dorf praktisch nicht. Hier und da vielleicht mal eine Schlägerei unter Trunkenbolden – Erendo und Jolin waren mit erschreckender Regelmäßigkeit daran beteiligt –, aber die konnte man bei den Heilern ausnüchtern lassen und stellte sie dann als Strafe zur Brückenwartung ab.
Aregas war aber nicht Teil einer Schlägerei gewesen – oder zumindest war das nicht das Ende dessen, was vorgefallen war. Er hatte jemanden umgebracht. Ob nun absichtlich oder unabsichtlich… Angeblich hatte niemals zuvor ein Elb einen anderen Elben getötet.
Er hörte schwere Schritte auf dem Gang vor dem Zellentrakt.
Sie kommen, um mich zu holen.
Mit einem Mal bekam er es mit der Angst zu tun.
Was, wenn sie mich hinrichten?
Die Tür wurde aufgestoßen und zwei hochgewachsene Gardisten in schweren, goldenen Rüstungen stampften herein. Beide trugen ein Schwert auf dem Rücken, das fast genauso lang war wie ihre Träger groß. An ihren Seiten trugen sie zusammengeklappte Bögen aus schwarz lackiertem Metall, die von einem Köcher mit Pfeilen auf der jeweils gegenüberliegenden Seite ihrer Hüfte vervollständigt wurden.
Trotz des Gewichts ihrer Ausrüstung, bewegten sie sich mit einer Anmut und Leichtfüßigkeit wie es sie nur unter Elben geben konnte.
„Der Ältestenrat will dich sehen“, sagte der Vordere der Beiden.
Mit zitternden Knien stand Aregas auf. Seine erste Reaktion war, sich in die hinterste Ecke seiner Zelle zurückzuziehen, aber was brachte es ihm? Die Gardisten würden ihn notfalls mit Gewalt aus ihr heraus und vor den Ältestenrat zerren. Er besann sich eines Besseren und ging zur Zellentür.

Die Gardisten führten ihn hinauf zum Ratssaal, der in der Krone des höchsten Baumes ihres Dorfes errichtet worden war. Seine riesigen Türen waren an den Rändern mit uralten Runen verziert, deren Bedeutung nicht mal mehr die Mönche des Tempels entschlüsseln konnten.
Mit einem Ächzen öffneten sich die Türen für ihn. Die sieben Ratsmitglieder saßen in ihren Thronen am anderen Ende des Saals – den man, aufgrund seiner Größe, eigentlich schon eher als Halle bezeichnen musste – mit riesigen Fenstern in ihrem Rücken. Das, sich an den Blättern des Baumes brechende, Sonnenlicht hüllte sie in bunte Farben, die sich, durch die ständige Bewegung der Blätter im Wind, konstant veränderten. Es war ein atemberaubendes Schauspiel, das Aregas zu einem anderen Zeitpunkt sicher gefallen hätte. Doch in diesem Augenblick löste es nichts als Angst in ihm aus.
Flankiert von den beiden Gardisten und mit weichen Knien betrat er zögerlich den Ratssaal. Er hatte zehn Schritte zurückgelegt, als er die Türen hinter sich wieder ächzen und dann, mit einem lauten Schlag, ins Schloss fallen hörte.
Mit einem Mal hatte er das Gefühl allein zu sein.
„Du hast meinen Sohn getötet“, begann der Dorfälteste, als Aregas die Mitte des Saals erreichte und die beiden Gardisten ihn festhielten, um ihn am Weitergehen zu hindern.
„Er… er hat mich angegriffen“, erwiderte er schwach.
„Dich angegriffen?“, donnerte der Dorfälteste zurück, „er würde niemals…“
Die Elbin zu seiner Rechten legte ihm eine Hand auf den Arm, um ihn zum Schweigen zu bringen.
„Wir haben den Bericht gehört, den du den Gardisten bei deiner Verhaftung gegeben hast“, sagte sie mit sanfter Stimme, nachdem sie Jolins Vater beruhigt hatte, „es ist unmöglich zu sagen, ob es der Wahrheit entspricht. Dennoch…“, sie schien einen Moment zu überlegen. „Wir haben die alten Texte studiert. Nach den Gesetzen steht auf Mord der Tod.“
Was?
„Es war kein Mord“, flehte Aregas, „Jolin hat mich angegriffen. Ich habe mich nur verteidigt“, bei den letzten Worten stiegen ihm Tränen in die Augen. „Ich habe mich nur verteidigt…“
„Wir haben uns beraten“, sprach die Elbin, deren Namen Aregas in seiner Panik nicht einfallen wollte, weiter. „Mit fünf zu zwei Stimmen haben wir entschieden, dass wir dir glauben.“
Erleichterung überkam ihn. Er würde nicht sterben. Er würde weiterleben.
„Dennoch“
Dennoch?
„haben wir entschieden, dass du bestraft werden musst. Für den Tod von Jolin wirst du aus Warildor verbannt und darfst niemals zurückkehren.“
Aregas sank auf seine Knie und versuchte gar nicht erst, seine Tränen weiter zurückzuhalten. Verbannung kam einem Todesurteil gleich. Der Boden der Wälder von Warildor war von allerlei blutrünstigen Kreaturen bevölkert, die ihn zerfleischen würden.
Warum töten sie mich nicht gleich?

******

Im Schatten des Tempels des Dorfes trafen sich zwei, in weite Roben gehüllte, Gestalten.
„Ist es vollbracht?“, fragte der Größere der beiden.
„Ja“, antwortete ihm eine weibliche Stimme.
„Gut.“
„Haben wir das Richtige getan? Was, wenn wir falsch liegen? Was, wenn er nicht der ist, für den wir ihn halten? Haben wir unnötig einen Elb sterben und einen anderen in die Verbannung schicken lassen?“
„Er ist der Richtige. Es besteht kein Zweifel.“

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