Einkaufen


Fünfundfünfzig waren sie. Man könnte glauben, dass es sich dabei um eine mystische Zahl handelt, aber eigentlich war die Zahl purer Zufall. Mehr Zipfelmützenzwerge hatten es schlicht nicht in den neuen Supermarkt geschafft, bevor ein überdimensioniertes Tor ein gutes Dutzend weiterer Zwerge unter sich begraben hatte und tausende weitere aus dem Laden fernhielt.

Warum der Supermarktbetreiber unbedingt ein, mit zufälligen Schließungen versehenes, Tor der Marke Zwergenmuß einbauen lassen hat, war niemandem so recht klar. Aber, da das Einkaufen von Lebensmitteln so oder so als Extremsportart mit zwanzigprozentiger Todesquote galt, machte sich auch Niemand Gedanken darüber. Die Toten unter dem Tor, hatten es wenigstens hinter sich.

Die ersten Zwerge begannen, in den dunklen Gängen zu verschwinden, bis nur noch sieben in der Eingangshalle zurückblieben. Sechs davon hielten den Druck nicht aus, zogen eine Waffe, entschuldigten sich mit einem Stoßgebet bei ihren Frauen und schossen sich in den Kopf. Der Supermarkt warb nämlich mit etwas ganz besonderem: Nur ein Überlebender pro Einkauf – und besonders ausgeklügelte Todesarten. Durch diese Werbung stiegen die Lebensversicherungsverkäufe in den letzten Wochen drastisch.

Und was unsere sechs Selbstmörder angeht: Ihre Frauen hatten sie beim Fremdgehen erwischt und zur Strafe einkaufen geschickt.

Der siebte Zwerg dagegen hatte sich vorgenommen, lebendig aus dem Laden heraus zu kommen. Also setzte er sich auf den Boden, lehnte sich an eins der Regale, streckte seine Beine aus und wartete, dass sein Sieg verkündet wurde.

Siebzehn Zwerge starben an einem biologischen Kampfstoff. Mitten im Mehlregal stand nämlich eine Tüte mit der Aufschrift „Vorsicht, biologischer Kampfstoff“. Und schlau, wie es unsere allseits beliebten kleinen Knuddelzwerge ja nunmal sind, hielten es alle siebzehn für einen Scherz. Oder einen Trick, um sie auf die falsche Fährte zu locken. Der stetig steigende Berg an Toten, vor dieser einen Tüte, änderte daran auch nichts. Es hörte lediglich bei siebzehn auf, weil sie mittlerweile so hoch gestapelt waren, dass der achtzehnte Zwerg die Tüte nicht mehr sehen konnte.

Im Kampf um ein Überraschungsei starben weitere neun Zwerge. Keiner von ihnen hatte die Palette, zwei Regale weiter gesehen.

Die restlichen zweiundzwanzig Zwerge schafften es tatsächlich bis zu den Kassen, wurden dort jedoch von einer hungrigen Meute Killerkoalas erwartet. Bei dem folgenden Gemetzel starben alle zweiundzwanzig Zipfelmützenzwerge und ein Koala verstauchte sich den Fuß. Tierschützer beschwerten sich daraufhin über mangelnde Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der Koalas und ließen den Laden eine Woche später schließen.

Der letzte Überlebende, der, immer noch an eines der Regale gelehnt, wartete wurde zum Sieger gekürt und dürfte nun, nach Entfernen der Koalas und Fallen, in aller Ruhe einkaufen.

Auf dem Weg nach Hause rannte er gegen einen Laternenpfahl – und starb an einer ausgerenkten Schulter.