Die Woche der Irren


Vor langer Zeit hatte ich auf meiner privaten Webseite mal eine Kategorie: Dumpfbeutel der Woche. Der Name war nicht sonderlich nett, aber mir sind beinahe jede Woche derart viele idiotische Menschen begegnet, dass sie irgendwo verewigt werden mussten. Ich bezweifle, dass irgendeiner dieser Menschen über die Verewigung sonderlich glücklich gewesen wäre, hätte er es je entdeckt. Eingestampft habe ich die Kategorie nicht etwa, weil mir weniger Idioten begegnet wären, sondern weil es repetitiv wurde. Dummheiten, ähnlich wie Geschichte, wiederholen sich einfach immer wieder. Nach einer Weile, gab es nichts wirklich neues mehr.

Die letzte Woche war da dann fast schon sowas wie ein gleißender Stern am Horizont — wenn man Dummheit als etwas verheißungsvolles bezeichnen will.

Fangen wir mit unserem ersten Kandidaten für den Titel an: Wütender alter Sack

Wütender alter Sack wohnt direkt an unserem Lieblingsspielplatz. Er hat einen Enkel, der wohl eher als schwierig einzustufen ist, und ich gehe davon aus, dass Wütender alter Sack seinen eigen Sohn früher verhauen hat und sehe da auch heute noch Anzeichen, die auf eine eher faustgeprägte Familie hindeuten. Sein Sohn ist jedoch recht nett.

Da ich auch gerne mal vormittags mit Kindern auf dem Spielplatz bin, habe ich offenbar seine Wutphase abbekommen, denn wütender alter Sack kam nicht nur ein Mal, sondern gleich zwei Mal am Vormittag wutentbrannt um die Ecke gestrackst und fing an vor den Kindern herumzubrüllen, wir hätten hier nichts zu suchen und er hätte die Aufgabe, Fremde vom Spielplatz zu vertreiben. Beim zweiten Mal wollte er von mir sogar noch Adressen haben, meine und die der Kinder. Dass er sich das in die Haare schmieren konnte, sollte klar sein.

Bei seinem ersten Wutausbruch konnte man richtig beobachten, wie er sich so weit gesteigert hat, dass er seine Fäuste sprechen lassen wollte. Immerhin ließ ich mich nicht verjagen und wagte es auch noch, ihm zu widersprechen. Als er also kurz davor wirkte, nicht nur ausfallend, sondern gewalttätig zu werden, machte ich das einzige, was es in der Situation zu tun gab: Ich lachte ihn lauthals aus. Das hatte den erhofften Effekt. Er wich tatsächlich etwas zurück und war derart aus der Bahn geworfen, dass er wütend motzend ins Haus verschwand.

Ausbruch Nummer zwei war zum Glück von einer weniger ausgeprägten Gewaltspirale begleitet, denn das mit dem Auslachen hätte wohl nicht nochmal funktioniert. Ein Anruf beim Vermieter und ein Gespräch mit seinem Sohn scheinen ihn aber derzeit etwas in die Schranken gewiesen zu haben.

Kanidat Nummer zwei: Klischeebeamter

Klischeebeamter wollte, dass ich etwas an einer anderen Stelle beantrage, dass diese andere Stelle gar nicht machen kann, denn im Gesetz steht in absolut unverkennbaren Worten „Die andere Stelle darf das nicht tun“. Da gibt es wenig Spielraum. Er will aber, dass ich mir von dieser anderen Stelle einen Bescheid abhole, dass sie das nicht tut. Oder, wie er selbst in seinem Textbausteinschreiben sagt: Andere Hinderungsgründe, das zu tun. Drei Mal habe ich ihm mitgeteilt, dass das Gesetz (in übrigem einen Paragraphen, den er selbst immer wieder anführt, von dem er sich aber weigert, den letzten Satz zu lesen) das nicht zulässt. Wie man es dreht und wendet, das fällt wohl recht eindeutig unter „andere Hinderungsgründe“.

Jetzt hatte ich einen Termin bei ihm und war in seinem Büro, das er sich mit einer anderen Verwaltungsmitarbeiterin teilt. Ich erklärte ihm das Gesetz dann also vor Ort gleich weitere drei Male … seine Kollegin fing bereits merklich an, sich fremd zu schämen … aber von Begreifen war bei ihm keine Spur zu sehen. Vermutlich regeln den Rest dann die Anwälte. Irgendwer muss sich daran ja ne goldene Nase verdienen. Tragisch ist dabei dann nur, dass er die Kosten nicht tragen wird, sondern sie am Ende die Stadt zahlen muss. Das wäre auch anders gegangen.

Kandidat Nummer drei: Egozentrischer alter Sack

Jaja, der Name ist so ähnlich zu Kandidat eins … was soll ich machen? Er ist halt treffend.

Kandidat drei traf ich auf dem Weg zurück von meinem Termin mit Kandidat 2. Ich wollte, mit Doppelkinderwagen, in den Bus einsteigen. Egozentrischer alter Sacke saß dabei am Rand des Rollstuhl- und Kinderwagenstellplatzes — ohne Rollstuhl oder Kinderwagen, wohlgemerkt. Ich war gerade dabei, den großen Kinderwagen in den Bus zu hieven, da klappt er den Sitz neben sich mit einem Gesichtsausdruck runter, der klar machte, dass er keinen Kinderwagen neben sich dulden würde. Oder generell im Bus, denn ich kann damit ja schlecht im Gang stehen. Ich fragte also „Wollen Sie mich verarschen?“ und er klappte den Sitz noch wütender wieder hoch. Also stellte ich den Kinderwagen ab und der Bus fuhr los. Er stand daraufhin meckernd auf und erzählte mir er sei schwerbehindert und hätte Vorrang und setzte sich dann woanders hin. Ich wies ihn freundlich, aber bestimmt, darauf hin, dass er ja immer noch sitzen könne, er keinen Vorrang habe und ich einfach nur mit dem Bus fahren wollte, genau wie er. Daraufhin beschwerte er sich weiter, ich hätte ihn von seinem Sitz vertrieben. Sein ehemaliger Sitzplatz war hochgeklappt, aber ansonsten noch immer frei und man hätte darauf sitzen können. Auch darauf wies ich ihn hin.

Unerwartet schaltete sich dann ein anderer älterer Herr ein und meckerte mit mir. Wie konnte ich es auch wagen, mit dem Bus fahren und den Kinderwagenstellplatz mit einem Kinderwagen nutzen zu wollen. Wir benennen den Mann einfach mal lobende Erwähnung Nummer eins. Ebenfalls möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Sitzplätze, die für Schwerbehinderte, Schwangere etc. reserviert sind, sich weiter vorne im Bus befinden. Sie sind auch entsprechend ausgeschildert.

Lobende Erwähnung Nummer zwei geht an den Busfahrer, der dann tatsächlich an anfing zu motzen, ich könne den Herren ja vor der Tür weiter belehren. Der Busfahrer wurde dann auch ganz schnell sehr kleinlaut, aber wie ich das angestellt habe, gehört hier nicht her. Er schien mit der Situation etwas überfordert und ich habe hier wohl mit Kanonen auf Spatzen geschossen, um ihn in die Schranken zu verweisen.

Egozentrischer alter Sack war inzwischen so weit, dass er mit seinem Schwerbehindertenausweis anfing, vor meiner Nase herumzuwedeln und Lobende Erwähnung Nummer eins fragte verächtlich, ob ich nicht einen Artikel für das Göttinger Tageblatt schreiben wolle. Egozentrischer alter Sack fragte mich dann auch gleich, ob ich mir seinen Namen aufschreiben wolle. Die beiden zusammen hörten gar nicht mehr auf mit dem Unsinn und waren auch der Grund, dass ich gegen beide weiter anreden musste. Warum der Busfahrer dann der Meinung war, dass nur der Mann mit dem Kinderwagen raus sollte, bleibt mir ein Rätsel.

Ich fühlte mich ein bisschen wie im falschen Film. Vielleicht waren die drei auch Teil von „Versteckte Kamera“ und wir sehen mich bald im Fernsehen … wer weiß.

Kandidat Nummer vier: Irrer

Ich wartete in der Innenstadt auf jemanden und war etwas früh dran. Also stand ich vor dem Geschäft an dem wir uns treffen wollen und las. Offenbar zog ich damit Irren magisch an, denn der komplett verwahrloste Mann hielt mir plötzlich Münzen und ein Feuerzeug zwischen Gesicht und Buch. Ich schüttelte etwas verwirrt den Kopf und versuchte weiter zu lesen. Das schien ihm nicht zu gefallen, denn er fing an mich zu bedrängen und drehte dann, als meine Verabredung auftauchte, ab, um sie zu bedrängen. Sie grüßte kurz und wollte dann ihr Fahrrad anschließen.

In der Zwischenzeit verschwand Irrer hinter einer Ecke und kam mit einer mit Mehl bedeckten Margarinepackung wieder, die er mir erneut unter die Nase hielt. Ich wich zurück … und plötzlich warf er er die Margarine mehrmals nach mir, erst nur angedeutet, dann irgendwann wirklich. Bis sie auf dem Boden zerplatzte. Ich beschloss also, doch mal das Fahrrad mit anschließen zu gehen. Irrer ging in dem Moment dann glücklicherweise auch davon.

Eine lobende Erwähnung bekommt hier noch der Typ, der auf dem Rückweg dann an der Bushaltestelle auf mich zu kam und mir ein Pikachustofftier unter die Nase hielt, um mir zu erzählen, es wäre immer so unhöflich und würde nicht grüßen … Dann hielt er es noch direkt vor den Bus und zog es erst weg, als der Bus fast an seiner Hand war. Wenige Minuten nach Irrer, ist das aber nur noch eine lobende Erwähnung wert.

Preisträger:

Wer den Titel jetzt bekommen soll, weiß ich auch nicht so ganz. Aber irgendwer muss ihn ja kriegen. Also geht der „Dumpfbeutel der Woche“ an „Egozentrischer alter Sack“. Einfach, weil der Typ so viele negative Klischees erfüllt, da kann nicht mal Klischeebeamter mithalten.

Bleibt noch zu erwähnen, dass das hier jetzt keine wöchentliche Kategorie werden soll. Ich hoffe wirklich, dass nicht jede Woche derart viele Irren bietet. Ich habe echt Besseres zu tun.

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