Schattengalaxis – Fragmente — Countdownblog 2


Zeit für den zweiten Teil des Countdownblogs.

Heute schreibe ich gar nicht so viel, sondern lasse Jörg Köster zu Wort kommen mit einem Auszug aus seiner Geschichte „Das Tor“. Die Geschichte sollte übrigens ursprünglich das Cover zieren.

Das Schiff erreichte die andere Seite. Der pulsierende Alarm, der stets den Sprungvorgang begleitete, hielt an. Der auf und abschwellende Ton drängte sich in sein Bewusstsein und rotes Licht durchdrang immer wieder seine Augenlider. Kaito hielt die Augen einen Moment länger geschlossen. Er versuchte dieses Gefühl, dieses Wissen festzuhalten, das ihn – wie alle anderen auch – jedes Mal während der kurzen Reise durch ein Tor überkam. Wie immer glaubte er für den Bruchteil einer Sekunde die Antwort auf alle Fragen zu kennen, das Universum im wahrsten Sinne zu durchschauen.

Er fühlte sich eins mit allem und vollkommen. Allerdings hatte dieses denkwürdige Gefühl des einen kleinen Augenblicks einen seltsamen und ungewohnten Nachgeschmack. Er konnte es nicht ganz greifen und bevor er diesem Misston weiter nachspüren konnte, war der Moment schon wieder vorbei. Kaito öffnete die Augen und war wieder ganz im hier und jetzt. Er schüttelte diese Ahnung einer Erinnerung ab und vergaß auch den schalen Nachgeschmack.

Kaito blickte sich um. Er begann die üblichen Routinen nach erfolgreicher Ankunft, gab Befehle, holte Standortinformationen ein, um zu prüfen wie weit sie ihr eigentliches Ziel verfehlt hatten. Dann justierte er Analysetools und nahm Einstellungen der künstlichen Schwerkraft vor. Er ließ sich viel Zeit damit, wiederholte einige Überprüfungen mehrmals.

Dabei hielt er seine Kabinencrew auf Trab indem er penibelst auf jeden noch so lächerlichen Punkt im Protokoll bestand. Seine Leute könnten nach dieser Prozedur wirklich genervt sein, doch niemand würde seine Befehle in Frage stellen, das wusste er. Schließlich beendete er nach einer gefühlten Ewigkeit zur Erleichterung aller den roten Alarm.

Mit einem kurzen Befehl aktivierte er die optischen Sensoren und brachte so eine holographische Darstellung der Umgebung des Schiffes in die Mitte der Brücke. Das Soncha-System erstreckte sich über das gesamte Display. In der Mitte glühte dunkel der rote Zwergstern, in dessen Umlaufbahnen sich drei Planeten befanden.

Nach der Entfernung zu seinem Zentralgestirn lag Soncha II laut der Anzeigen in der habitablen Zone. Die Instrumente zeigten Kaito, dass die Masse des Planeten etwa 1,68 Erdmassen betrug. Soncha II umkreiste den Zwergstern in einer gebundenen Rotation, das heißt, eine Seite des Planeten war ununterbrochen vom Stern beschienen und eine Seite nie. Dazwischen lag die ringförmige Zone mit mittleren Temperaturen.

Von der derzeitigen Position aus hatten sie einen guten Blick auf die Dämmerungszone entlang des sogenannten Terminators, jenes Streifens zwischen Permafrost und Gluthitze. Schnell überprüfte er die Anzeigen der Sensoren und Schiffsüberwachung.

»Ripper, setz eine Nachricht ab. Sind angekommen. Beginnen mit dem Torbau.«, gab er einen knappen Befehl an die Long Range Com.

Das Signal würde Jahre brauchen, bis es die nächste Sonde der Neuen Republik erreichte, aber die Vorschriften sahen dennoch vor, dass sie die Meldung absetzen mussten. Während Ripper am Com und Auma an der Navigation noch mit Routineaufgaben beschäftigt waren, tippte Kaito schnell die Befehlszeile in sein Terminal, welche den geheimen Suchalgorithmus starten würde. Er hatte den Code gut genug verborgen, so dass ihn nur eine Tiefenanalyse zutage brächte. Er hoffte inständig, dass die zwangsläufig auftretenden Aussetzer der Sensoren seine Kollegen im Cockpit nicht zu neugierig werden ließen.

Anschließend erhob er sich und übergab die Brücke seiner ersten Offizierin Auma. »Ich zieh‘ mich zurück und bereite mich auf das Meeting mit den Ingenieuren vor.« Kurz nickend verabschiedete er sich und verließ das Cockpit in Richtung Besprechungsraum. Sein Flugteam vertraute ihm und so stutzte niemand, als er so kurz nach der Ankunft seinen Posten verließ. Kaito begab sich in den Hochgeschwindigkeitsaufzug neben dem Besprechungsraum und fuhr tief hinab in den Bauch des Schiffs.

 

Dale

 

Dale spürte sofort, dass sie die andere Seite erreicht hatten. Schnell schüttelte er die kurze Benommenheit ab, schnallte sich los und sprang von der Liege. Den leiernden Alarm ignorierte er und eilte zu seinem Spind. Die anderen Mannschaftsmitglieder würden auf die Abschaltung des Alarms warten und erst dann aufstehen und mit ihren Routinen beginnen. Diese Zeit mussten sie nutzen, wenn ihr kleines Unterfangen nicht auffallen sollte. Er holte die bereitliegende Tasche hervor und begab sich über den engen Flur zur Nachbarkabine. Tyler war ebenfalls bereits aufgestanden und schloss sich ihm mit einem lockeren militärischen Gruß an. Der Hüne hatte einen leichten Kampfpanzer angelegt und prüfte im Gehen die Funktion seiner kybernetischen Gliedmaßen. In seiner Tasche zeichnete sich das mehr schlecht als recht verborgene Mini-Sturmgewehr ab. Gemeinsam kamen sie an Sparks Tür an und öffneten sie. Die Wissenschaftlerin hielt sich an ihrer Spinttür fest und versuchte fluchend mit einer Hand einige Messgeräte in ihren Rucksack zu stopfen.

»Das passiert mir jedes Mal.« fauchte sie. »Nach jedem verfickten Sprung brauche ich ein paar Minuten, bis sich nicht mehr alles um mich dreht.«

Tyler grinste und legte einen Arm um sie. »Soll ich dir helfen, Schätzchen?«

Im nächsten Moment landete ihr Ellbogen auf seiner Nase und er taumelte zurück. Sparks wendete sich ihm zähnefletschend zu.

»Das würde ich an deiner Stelle schön sein lassen. Rühr mich noch einmal an und mein nächster Cocktail macht ein sabberndes Wrack aus dir.«

Um ihre Aussage zu bekräftigen ließ sie trotz wackeliger Beine die Schranktür los, griff in den Schrank und schnallte sich einen Gürtel mit einigen Ampullen und einem Injektor um. Die plötzliche Wut schien Sparks Benommenheit weggeblasen zu haben und sie fuhr fort, zornig murmelnd ihre Gerätschaften einzupacken. Dale ignorierte den ebenfalls grummelnden Tyler, der seine Nase hielt und sich in den Flur zurückzog.

»Hättest du das nicht vor Abflug vorbereiten können?« fuhr er sie an. Sie wandte sich ihm zwar nicht zu, wurde jedoch hektischer.

»Anders als Herr Muskelmann und Herr Schrauber hatte ich zu tun. Oder glaubst du, die haben mich zum Spaß mitgenommen? Nun lass mich schon machen.«

Dale lugte durch die Tür in den Flur, und bedeutete Tyler schon mal vorauszugehen. Der Sicherheitsexperte nickte und eilte in Richtung Shuttlehangar. Noch war niemand anderes zu sehen und der Alarm hielt weiter an. Dale drehte sich wieder um. Er wurde nervös.

»Ich gehöre zum Montageteam. Da musste ich mich auch vorbereiten. So ein Torbau ist nicht mit ein paar Knopfdrücken getan, wie du vielleicht glaubst. Nun mach schon.«

Sparks sah ihm direkt ins Gesicht, zog sich ungeniert vor seinen Augen ihre Wissenschaftler-Uniform aus und einen Pilotenoverall an. Der junge Dale wurde rot, unterdrückte jedoch seinen Impuls sich umzudrehen. Sparks zog ihren Reißverschluss hoch und nach ein paar letzten Handgriffen verschloss sie ihren Rucksack, warf ihn sich über die Schulter und schob Dale zur Tür.

»Genau. Montage. Keine Ahnung, warum ausgerechnet DU unser Bodenteam anführen sollst. Aber gut. Der Boss hat’s befohlen. Also is es so. Lass uns gehen. Nach dir.« Sie betraten den Flur und eilten durch die Gänge, Tyler hinterher.

In dem Moment als sie den Hangar erreichten, verstummte der Alarm. Als sie die Shuttlebucht betraten, hatte Tyler bereits eines der zwei Shuttles geöffnet und die Startvorbereitung eingeleitet. Auch Sparks und Dale sprangen in den Gleiter und begaben sich ins kleine Cockpit. »Wusste nicht, dass du ein Shuttle fliegen kannst«, knurrte Sparks Tyler an. Der zuckte nur die Schultern und überließ ihr den Pilotensitz. Eine Stimme von der Tür her ließ sie alle drei gleichzeitig herumfahren.

»Bei einem kleinen Team ist es immer besser, wenn jeder mehrere Aufgaben beherrscht, nicht wahr?«

Es war Kaito, der sie mit ernstem Gesicht anblickte. Tyler ließ das Sturmgewehr wieder sinken, das er wie aus dem Nichts hochgerissen hatte. Kaito runzelte die Stirn. Doch Tyler murmelte nur »Betäubungsmunition.«

Kaito entspannte sich etwas. »Seht ihr. Ihr seid alle Profis. Darum habe ich euch ausgewählt. Ihr scheint alle etwas angespannt zu sein. Chillt euch und passt auf. Wir haben lange auf so eine Gelegenheit gewartet und uns gründlich auf diese Sache vorbereitet. Wird schon schiefgehen.« Seiner zittrigen Stimme nach zu urteilen war er sich da selbst nicht ganz sicher.

Dale und Sparks warfen sich besorgte Blicke zu. Tyler starrte stur geradeaus und seine Miene war undurchdringlich.

Kaito räusperte sich und fuhr fort. »Also. Die Suchroutine der Sensoren läuft. Sie wird mir in Kürze den Standort der Kuari-Anlage zeigen.«

Sparks murmelte: »Der vermeintlichen Kuari-Anlage.«

Kaito schien sie nicht gehört zu haben und fuhr fort. »Ihr startet schon in wenigen Minuten und schaltet die Com auf diesen Übertragungscode. Damit übergab er Dale einen Datenchip, den dieser sogleich in einen Slot am Com-Terminal schob. »Sobald ich den Standort habe,« erklärte Kaito weiter, »sende ich ihn euch und ihr landet auf den angegebenen Koordinaten. Nach meinen Informationen soll sich die Anlage nahe am Terminator befinden. Ihr werdet also weder gegrillt, noch tiefgefroren.«

Sparks inspizierte angestrengt die Decke und murmelte: »Dafür werden wir von Monster-Tornados zerfetzt.«

Kaito schien seine weiteren Worte allein an Dale zu richten, der ihm anscheinend als einziger an den Lippen hing.

»In der Zwischenzeit werde ich dafür sorgen, dass niemand unser kleines Unternehmen stört. Ihr werdet schon sehen, es wird ein Kinderspiel – und lukrativ obendrein.«

Sparks trat jetzt einen Schritt auf ihn zu. »Wenn jemand unsere Abwesenheit bemerkt, oder das Shuttle vermisst, sind wir am Arsch.«

Kaito hob beschwichtigend die Hände. »Keine Sorge, ich habe an alles gedacht. Ich habe euch im Dienstplan mit Sonderaufgaben betraut, die niemand außer mir überwachen wird. Und um die Shuttlebucht werde ich mich wie besprochen kümmern. Auf dem Chip, den ich euch gegeben habe, befinden sich übrigens auch die Codes für die Hangartore. Ihr braucht für die Öffnung also keine Hilfe von der Brücke. Wartet auf mein Signal bevor ihr startet. Dafür habt ihr eine Minute Zeit. Ihr wisst über eure Aufgaben danach Bescheid.«

Sie nickten. Er sah jedem einzelnen noch einmal fest in die Augen. Dann wünschte er ihnen viel Glück und eilte aus dem Hangar.

 

Kaito

 

Als Kaito im Besprechungsraum eintraf, warteten die Ingenieure bereits auf ihn. Eilig begann er die anstehenden Aufgaben zu besprechen. Es hatte ihn alle seine Kontakte und nicht wenige Ressourcen gekostet, nicht nur Kapitän des Schiffes, sondern auch Projektleiter dieses Torbaus zu werden. Meist fiel diese Aufgabe einem der Wissenschaftler zu. Doch er hatte mit unzähligen Missionen seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt, so dass nur wenige seine Kompetenz anzweifelten.

Nun ja, Neider gab es natürlich dennoch.

Gerade als Erikson, Astrophysiker und stellvertretender operativer Missionsleiter, wie zu erwarten einige seiner Anweisungen in Zweifel zog, drückte Kaito auf einen Knopf des kleinen Senders in seiner Tasche. Dale und sein Team bekamen das Signal und würden nun den Startvorgang einleiten.

Kaito ließ die beginnende Diskussion vor sich hin brodeln und zählte im Geiste langsam die Sekunden. Als er bei sechzig angelangt war, drückte er auf den zweiten Knopf und eine Detonation erschütterte das Schiff. Einige schrien erschrocken auf, manche brachen in Panik aus. Kaito setzte, um keinen Verdacht zu erregen, ebenfalls ein erschrockenes Gesicht auf.

Nachdem er seinen Leuten einen Augenblick der Kopflosigkeit gegönnt hatte, besann er sich auf den kühlen Befehlsgeber, der er war und sorgte für Ruhe im Raum. Augenblicklich versetzte er das Schiff erneut in Alarmbereitschaft.

Noch auf dem Weg zur Brücke organisierte er per Funk Sicherheitsteams, die für Ruhe auf dem Schiff sorgen sollten. An seinem Befehlsstand angekommen ließ er sich Bericht erstatten.

Auma hatte wie immer alles unter Kontrolle und informierte ihn kühl. »Es hat eine Explosion auf Deck drei gegeben. Der Detonationsradius scheint sich auf die Shuttlebucht beschränkt zu haben. Das Tor ist zerfetzt, die Shuttles vermutlich nur noch ein Haufen Trümmer im All. Laut Sensoren ist alles in der Bucht zerstört und hinaus in die Leere gezogen worden.«

Kaito unterbrach sie. »Ich übernehme persönlich die Sensoren. Stell du ein Team zusammen und untersuche den Explosionsort.«

Sie nickte knapp, antwortete »Verstanden« und verließ die Brücke. Nachdem sie die Brücke verlassen hatte, überprüfte Kaito die Ergebnisse seines Suchalgorithmus. Da waren sie: Die Koordinaten. Er sendete sie unter Verwendung des geheimen Codes an das Shuttle. Anschließend manipulierte er die Ergebnisse der Sensoren, so dass die Aufzeichnungen nichts außer Trümmern zeigen würden. Offiziell waren beide Shuttles zerstört.

Kaito koordinierte die Untersuchung des Vorfalls und ordnete Funkstille bis zu dessen Aufklärung an. Der Torbau würde mindestens einen Tag lang warten müssen. Plötzlich wurde ihm kurz schwarz vor Augen. Für einige Sekunden fühlte er sich zurückversetzt zu dem Augenblick, da sie das Tor passiert hatten. Nur war es diesmal kein Gefühl des umfassenden Wissens, sondern vielmehr eine dunkle Vorahnung. Doch auch die verging nach kurzer Zeit wieder. Kaito ließ sich in seinem Pilotensitz fallen und versank in Gedanken.

Weiter geht es nächste Woche, wenn das Buch im Handel ist.

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